Chinesen mögen schwedische Lesbenstadt
Chinesen mögen vielleicht Walddörfer in Schweden, in denen lauter schwedische Lesben wohnen. Was sie aber gar nicht mögen sind satirische Beiträge. Wie eine Falschmeldung vermutlich auf einen Satirebeitrag zurückzuführen ist.
Zugegeben, die Geschichte ist bereits etwas alt, aber ich bin erst jetzt drauf gestoßen. Und fürs Archiv finde ich sie eigentlich ganz interessant. Es geht um die schwedische Stadt „Chako Paul City“. Diese soll eine Ortschaft im Norden Schwedens liegen und von 25‘000 lesbischen Frauen bewohnt werden. Angeblich wurde die Stadt 1820 von einer reichen Witwe gegründet, die scheinbar mit Männern wenig Glück hatte. Denn der Grund für die Stadt sei, dass Männer die Frauen schlicht und einfach nicht mehr ausreichend sexuell befriedigen konnten. So zumindest stand es in einem Artikel der Nachrichtenagentur Xinhua, der schließlich auch seinen Eingang in die deutsche Presse fand.
Klar ist: Die Stadt gibt es nicht. Sie wäre auch eine der größten Ortschaften in der Region und es bestimmt allgemein bekannt, wenn es sie denn tatsächlich gäbe. Was also ist passiert? Der Artikel von Xinhua wurde, wie ein Bloger schreibt, bereits am folgenden Tag wieder gelöscht. Scheinbar haben die Leute in der staatlichen Nachrichtenagentur verstanden, dass sie eine Falschmeldung in die Welt gepustet haben. Wer heute in der Suchmaschine von Xinhua den Namen der ominösen Stadt eingibt, findet nichts. Auch keine Richtigstellung. Einfach gelöscht. Sowohl in Englisch wie auch auf Chinesisch.
Dass der Artikel vom 6. August nicht mehr existiert, könnte zwar auch darauf hindeuten, dass es ihn gar nicht gab. Allerdings findet man noch immer eine Reihe von Webseiten, die jeweils auf den gleichen Artikel verweisen – und ins Leere führen. Zudem gibt es noch Screen-Shots des Originaltextes, der eine schöne Frau und ein Schloss zeigt, das sich angeblich in der Stadt befinden soll.
Wie kommt Xinhua dazu, die falsche Geschichte zu melden? Es gibt einen älteren Artikel vom Dezember 2008 in der Harbin News, in dem etwa das gleiche drinsteht. Offenbar hatte Xinhua Harbin News zitiert und die Story nicht überprüft. Bleibt also nur noch die Frage offen, wie die Geschichte in das nordchinesische Provinzblatt kam.
Eigentlich gibt es nur drei Möglichkeiten. Die erste wäre eine Marketingmaßnahme von Seiten der schwedischen Touristenbehörden. Sie könnten den Reporter bezahlt haben, damit er eine solche Geschichte schreibt. Diese Praxis ist in China Gang und Gäbe und wurde hier auch wissenschaftlich untersucht. Sollte es wirklich ein Werbegag gewesen sein, so wäre er gut gelungen: Denn tatsächlich ist die Nachfrage von chinesischen Touristen nach dem Reiseland Schweden gestiegen. Allerdings spricht auch einiges gegen eine solche Erklärung. Erstens erschien die Geschichte nur in einem einzige Provinzblatt. Es war nicht abzusehen, dass Xinhua die Falschmeldung ein halbes Jahr später aufnehmen würde. Zweitens liegt zwar Harbin auch im Norden, aber für ein touristisches Marketing ist Harbin bestimmt kein Primärziel. Das sind eher die reichen Städte Peking, Shanghai und Guangzhou. Ein kluger Marketing-Stratege wäre nicht so vorgegangen.
Es könnte auch sein, dass einer der Journalisten in Harbin einfach etwas falsch verstanden. Wenn man allerdings den Originaltext liest, fällt einem schnell die außergewöhnliche Struktur des Textes auf. Der Artikel erzählt von einem chinesischen Mädchen aus Shandong, welches in Schweden studierte und das sich mehr oder weniger zufällig in die Lesbenstadt verirrte, weil sie sich vor ihrem eifersüchtigen Freund versteckte. Der Text kommt zwar in einem seriösen Tonfall einher, ist von der Struktur her aber eine Form der Utopie. Das Mädchen erzählt nämlich ähnlich wie der Reisende in Thomas Morus Utopia von einem fernen Land. Ich möchte nun nicht behaupten, dass Morus hier das literarische Vorbild gewesen sei, doch scheint es mir eine Struktur zu geben, die vielleicht aus grundlegenden Gründen ähnlich ist.
Dann hätten wir nun eine wahrscheinliche Version: Die Harbin News veröffentlichte einen satirischen Bericht, der irgendjemand bei Xinhua für wahr hielt. Kann so etwas passieren? Ja, es kann und es nicht der erste Fall einer missverstanden Satire. So hatte die deutsche TAZ auf ihrer Satire-Seite “die Wahrheit” über das “Elend der deutschen Wanderbanker” geschrieben. In einem online nicht mehr verfügbaren Artikel mit dem Titel “12 Stunden Geldscheine zählen” werden die angeblichen Probleme der illegalen Finanztagelöhner beschrieben, die unter schwierigsten Bedingungen in China leben: “Die Zahl der im Zuge der Finanzmarktkrise entlassenen Banker, die vom Ausland in Chinas boomende Städte ziehen, ist seit Ausbruch der Finanzkrise auf rund 200.000 gestiegen. Bis 2010 werden es wohl drei Millionen sein, die in Chinas Finanzsektor ihr Heil suchen”, heißt es in dem Beitrag. “Die billigen westlichen Finanzfachleute leisten Schichtarbeit an den Bankschaltern der südchinesischen Küste oder verdingen sich tageweise als Geldeintreiber. Obwohl sie die riskantesten und schwierigsten Finanztransaktionen durchführen, werden ihnen Grundrechte verwehrt: Viele von ihnen sind unterbezahlt und ohne Krankenversorgung.”
Amüsant und für die meisten Menschen auf Anhieb als Satire erkennbar. Trotzdem scheint ein Journalist bei der Cankao Xiaoxi (Referenzzeitung) dies nicht wahrgenommen zu haben. Die Cankao Xiaoxi ist laut Informationen von China Radio International mit einer Auflage von rund drei Millionen Ausgaben eine der auflagenstärksten Zeitungen. Sie war 1931 in Ruijin in der Provinz Jiangxi ins Leben gerufen worden und gilt seither als Fenster Chinas zur Welt.
No related posts.