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Ein Blick auf Chinas Medienlandschaft
Ein Blick auf Chinas Medienlandschaft
29. Aug
Hongkong wird demokratischer – und Xinhua verliert kein einziges Wort darüber. Wie es dazu kommt, dass es in einer einseitigen Mitteilung einer chinesischen Nachrichtenagentur eine Seite lang keinen Inhalt gibt…
Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Xinhua versucht China in der Welt positiv darzustellen. Doch heute schrieb die staatliche Nachrichtenagentur im Titel einer ihrer Meldungen: „China’s top legislature ends bimonthly session, approves amendments to Hong Kong’s Basic Law“. Das schockiert doch eher, weiss man selbst als China-Laie, dass vom Reich der Mitte kaum etwas Gutes in Richtung Demokratisierung kommen kann. Wenn ein westlicher Leser einen solchen Titel sieht, erwartet er eine Beschneidung der Grundrechte, eine Ausweitung der chinesischen Diktatur oder vielleicht auch “nur” eine Beschneidung der Pressefreiheit.
Auch im weiteren Text gibt nicht wirklich etwas Positives. „Die Änderung des Anhangs I des Grundgesetzes wurde (..) genehmigt. Der Ständige Ausschuss des NVK genehmigte außerdem einen Prüfungsbericht über eine Änderung des Anhangs II des Grundgesetzes, in der es um die Struktur des Legislativrats geht“, heißt es in einer deutschen Übersetzung der Meldung. Für alle Leser, die zufällig nicht wissen, was im zweiten Anhang des Grundgesetz steht, erfahren wir immerhin das Thema. Der erste Anhang scheint Allgemeinbildung zu sein.
Immerhin erfahren wir also, dass es um eine Veränderung in der Verwaltungsstruktur geht. Aber wir tappen noch immer im Dunkeln: Soll der besagte Rat nun direkt aus Peking bestimmt werden oder hat das Volk nun mehr politische Rechte? Weiter heißt es: „Die beiden Änderungen werden in Kraft treten, sobald der Gesetzgeber ihnen zustimmt.” und: “Die beiden Änderungen entsprächen dem Volkswillen der Bürger Hongkongs und stünden im Einklang mit dem Gesetz und den Interpretationen und Entscheidungen des Ständigen Ausschusses des NVK. Sie sollen dabei helfen, in Hongkong auf lange Sicht den Wohlstand und die Stabilität zu erhalten.“ Der Volkswille ist ja gut und recht. Aber wir erfahren nicht, was dieser Volkswille ist. Und wenn etwas „im Einklang mit dem Gesetz“ ist, dann muss das noch lange nicht gut sein. Bei jeder Zensurmassnahme wird gerne mit dem Gesetz argumentiert. Danach wechselt der Artikel das Thema.
Auch CRI, der chinesische Radiosender, der notorisch jeder Information aus dem Weg geht, schreibt zum Thema: „The draft amendments deal with methods of selecting Hong Kong’s Chief Executive and forming the Legislative Council.“ Ja, aber meine Lieben? Worum geht’s denn nun bitte? Ein paar Minuten Suchen bei Google bringt den Bericht einer Hongkonger Zeitung zu Tage, in dem es heisst: „The reforms expand the committee that chooses Hong Kong’s chief executive from 800 to 1,200 members and increase the number of legislators from 60 to 70 for the 2012 elections.“
Da stellt sich natürlich die Frage: Wieso kann man das nicht einfach schreiben? Eigentlich ist die Reform vernachlässigbar und ändert kaum etwas am politischen System, außer vielleicht, dass die Gesetzgeber etwas näher zusammenrücken müssen. Es scheint auch hier wieder einmal zwei mögliche Erklärungen zu geben: Die Autoren haben schlicht nicht verstanden, worum es ging, oder es war ihnen egal. Das ist zwar durchaus möglich, wahrscheinlich ist aber, dass die Autoren die Bestimmung hatten, gewisse Begriffe wie Demokratie usw. nicht zu verwenden und den Sachverhalt nicht zu genau zu erklären, um damit nicht im eigenen Volk Begehrlichkeiten zu wecken.
Das wäre nicht das erste Mal, dass chinesische Journalisten in so einer Zwickmühle stecken. Als beispielsweise ein deutscher Student in England den chinesischen Premierminister Wen Jiabao mit einem Schuh bewarf, gab es das gleiche Dilemma: Die Medien hatten die Aufgabe, die Entschuldigung der Universität zu thematisieren aber durften der Grund für die Entschuldung erwähnen. Das Resultat: Eine Reihe von nicht verständlichen Artikeln.
29. Aug
Chinesen mögen vielleicht Walddörfer in Schweden, in denen lauter schwedische Lesben wohnen. Was sie aber gar nicht mögen sind satirische Beiträge. Wie eine Falschmeldung vermutlich auf einen Satirebeitrag zurückzuführen ist.
Zugegeben, die Geschichte ist bereits etwas alt, aber ich bin erst jetzt drauf gestoßen. Und fürs Archiv finde ich sie eigentlich ganz interessant. Es geht um die schwedische Stadt „Chako Paul City“. Diese soll eine Ortschaft im Norden Schwedens liegen und von 25‘000 lesbischen Frauen bewohnt werden. Angeblich wurde die Stadt 1820 von einer reichen Witwe gegründet, die scheinbar mit Männern wenig Glück hatte. Denn der Grund für die Stadt sei, dass Männer die Frauen schlicht und einfach nicht mehr ausreichend sexuell befriedigen konnten. So zumindest stand es in einem Artikel der Nachrichtenagentur Xinhua, der schließlich auch seinen Eingang in die deutsche Presse fand.
Klar ist: Die Stadt gibt es nicht. Sie wäre auch eine der größten Ortschaften in der Region und es bestimmt allgemein bekannt, wenn es sie denn tatsächlich gäbe. Was also ist passiert? Der Artikel von Xinhua wurde, wie ein Bloger schreibt, bereits am folgenden Tag wieder gelöscht. Scheinbar haben die Leute in der staatlichen Nachrichtenagentur verstanden, dass sie eine Falschmeldung in die Welt gepustet haben. Wer heute in der Suchmaschine von Xinhua den Namen der ominösen Stadt eingibt, findet nichts. Auch keine Richtigstellung. Einfach gelöscht. Sowohl in Englisch wie auch auf Chinesisch.
Dass der Artikel vom 6. August nicht mehr existiert, könnte zwar auch darauf hindeuten, dass es ihn gar nicht gab. Allerdings findet man noch immer eine Reihe von Webseiten, die jeweils auf den gleichen Artikel verweisen – und ins Leere führen. Zudem gibt es noch Screen-Shots des Originaltextes, der eine schöne Frau und ein Schloss zeigt, das sich angeblich in der Stadt befinden soll.
Wie kommt Xinhua dazu, die falsche Geschichte zu melden? Es gibt einen älteren Artikel vom Dezember 2008 in der Harbin News, in dem etwa das gleiche drinsteht. Offenbar hatte Xinhua Harbin News zitiert und die Story nicht überprüft. Bleibt also nur noch die Frage offen, wie die Geschichte in das nordchinesische Provinzblatt kam.
Eigentlich gibt es nur drei Möglichkeiten. Die erste wäre eine Marketingmaßnahme von Seiten der schwedischen Touristenbehörden. Sie könnten den Reporter bezahlt haben, damit er eine solche Geschichte schreibt. Diese Praxis ist in China Gang und Gäbe und wurde hier auch wissenschaftlich untersucht. Sollte es wirklich ein Werbegag gewesen sein, so wäre er gut gelungen: Denn tatsächlich ist die Nachfrage von chinesischen Touristen nach dem Reiseland Schweden gestiegen. Allerdings spricht auch einiges gegen eine solche Erklärung. Erstens erschien die Geschichte nur in einem einzige Provinzblatt. Es war nicht abzusehen, dass Xinhua die Falschmeldung ein halbes Jahr später aufnehmen würde. Zweitens liegt zwar Harbin auch im Norden, aber für ein touristisches Marketing ist Harbin bestimmt kein Primärziel. Das sind eher die reichen Städte Peking, Shanghai und Guangzhou. Ein kluger Marketing-Stratege wäre nicht so vorgegangen.
Es könnte auch sein, dass einer der Journalisten in Harbin einfach etwas falsch verstanden. Wenn man allerdings den Originaltext liest, fällt einem schnell die außergewöhnliche Struktur des Textes auf. Der Artikel erzählt von einem chinesischen Mädchen aus Shandong, welches in Schweden studierte und das sich mehr oder weniger zufällig in die Lesbenstadt verirrte, weil sie sich vor ihrem eifersüchtigen Freund versteckte. Der Text kommt zwar in einem seriösen Tonfall einher, ist von der Struktur her aber eine Form der Utopie. Das Mädchen erzählt nämlich ähnlich wie der Reisende in Thomas Morus Utopia von einem fernen Land. Ich möchte nun nicht behaupten, dass Morus hier das literarische Vorbild gewesen sei, doch scheint es mir eine Struktur zu geben, die vielleicht aus grundlegenden Gründen ähnlich ist.
Dann hätten wir nun eine wahrscheinliche Version: Die Harbin News veröffentlichte einen satirischen Bericht, der irgendjemand bei Xinhua für wahr hielt. Kann so etwas passieren? Ja, es kann und es nicht der erste Fall einer missverstanden Satire. So hatte die deutsche TAZ auf ihrer Satire-Seite “die Wahrheit” über das “Elend der deutschen Wanderbanker” geschrieben. In einem online nicht mehr verfügbaren Artikel mit dem Titel “12 Stunden Geldscheine zählen” werden die angeblichen Probleme der illegalen Finanztagelöhner beschrieben, die unter schwierigsten Bedingungen in China leben: “Die Zahl der im Zuge der Finanzmarktkrise entlassenen Banker, die vom Ausland in Chinas boomende Städte ziehen, ist seit Ausbruch der Finanzkrise auf rund 200.000 gestiegen. Bis 2010 werden es wohl drei Millionen sein, die in Chinas Finanzsektor ihr Heil suchen”, heißt es in dem Beitrag. “Die billigen westlichen Finanzfachleute leisten Schichtarbeit an den Bankschaltern der südchinesischen Küste oder verdingen sich tageweise als Geldeintreiber. Obwohl sie die riskantesten und schwierigsten Finanztransaktionen durchführen, werden ihnen Grundrechte verwehrt: Viele von ihnen sind unterbezahlt und ohne Krankenversorgung.”
Amüsant und für die meisten Menschen auf Anhieb als Satire erkennbar. Trotzdem scheint ein Journalist bei der Cankao Xiaoxi (Referenzzeitung) dies nicht wahrgenommen zu haben. Die Cankao Xiaoxi ist laut Informationen von China Radio International mit einer Auflage von rund drei Millionen Ausgaben eine der auflagenstärksten Zeitungen. Sie war 1931 in Ruijin in der Provinz Jiangxi ins Leben gerufen worden und gilt seither als Fenster Chinas zur Welt.
20. Aug
Dass chinesische Internetnutzer einen beträchtlichen Teil des Internets nicht erreichen können, ist kein Geheimnis. Gesperrt wird alles, was die chinesische Regierung in irgend einer Weise kritisiert. Doch nicht nur das, auch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind gesperrt. Wieso?
Eine Begründung dafür bietet die Global Times, in einem Artikel vom Juli. „Soziale Netzwerke bieten eine Plattform für negativen Meinungsaustausch und gefährden somit die soziale Sicherheit“, zitierte die Tageszeitung aus einer Untersuchung der regierungsnahmen Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS). Gemeint ist damit, dass sich nach dem letzten Präsidentschaftswahlen im Iran und auch bei den Aufständen in Xinjiang im vergangenen Jahr die Opposition über soziale Netzwerke organisiert hatte. China stellte daraufhin der Autonomen Region für ein Jahr lang den Saft ab. Wer seine Emails lesen wollte, musste in die Nachbarprovinz reisen. Zudem habe Facebook laut dem Bericht vertrauliche Unternehmensinformationen, politische- und militärische Informationen weitergegeben. Die Idee die dahintersteckt ist eine Güterabwägung: Sozialer Frieden wird bei einer solchen Argumentation als ein wichtigeres Gut erachtet als die Meinungsfreiheit.
Wie gross die Gefahr von Facebook und Co für die Machthaber in Peking wirklich ist, lässt sich schwer einschätzen. Allerdings scheinen die meisten Nutzer (eine Abfrage bei Facebook zu den chinesischen Nutzern ergab 876.000 Resultate) das Netz friedlich zu nutzen. Dadurch, dass die beliebte Seite gesperrt wurde, kamen viele chinesische Internetnutzer überhaupt erst das erste Mal in direktem Konflikt mit der chinesischen Zensur. Denn die wenigsten Internetnutzer verwenden das Internet für subversive Aktionen. Dies zeigt sich etwa an der Liste der häufigsten Suchworte bei Google.
Wenn es also darum ging, die Regierung politisch zu stärken, ging der Schuss vielleicht nach hinten los – zumindest ein bisschen. Dazu ein paar persönliche Betrachtungen. Eine Woche nachdem vor etwas mehr als einem Jahr Facebook gesperrt wurde, waren bereits fast alle meiner chinesischen Bekannten wieder online. Seither gibt es immer wieder Bemühungen von Seiten der Zensoren, die Leitern abzureissen, welche über die Grosse Firewall von China führen. Doch ist dies immer nur für eine Weile gelungen. Tatsächlich hat es aber viele Leute für die technischen Methoden sensiblisiert, wie man die Sperren umgehen kann. Es mag sein, dass dies nun meine persönlichen Erfahrungen sind, die sich auf ein Umfeld beschränken, dasKontakt mit Ausländern sucht. Doch sind es vermutlich gerade die intellektuelleren und weltoffeneren Menschen, welche künftig das Geschick des Landes bestimmen werden.
Die Blockaden haben allerdings auch noch einen zweiten Nachteil: Sie verringern auch die Zufriedenheit von ausländischen Arbeitnehmer, welche das Land für seinen Aufbau noch immer dringend braucht. Bei einer Umfrage von Danwei gaben 60 Prozent an, dass sie mit dem Gedanken spielen, wegen den Internetblockaden das Land zu verlassen. Die Zahl ist allerdings nicht ganz genau, da unter den Befragten rund ein Viertel Festlandchinesen waren.
Bei der Blockade könnten jedoch auch marktprotektionistische Gründe ein Rolle gespielt haben. China verfügt mit Kaixing und Co. über eigene soziale Netzwerke, die jedoch einen grossen Nachteil haben: In ihnen finden sich nur Chinesen, nicht aber die ganze Welt. Zudem haben solche Seiten einen schlechten Ruf. “Kaixin001 hat nur gelangweilte Büroangestellte angezogen, die nach Zeitvertreib im Büro suchten, so dass sie diesen kostengünstigen und idiotensicheren Spielen auf der Seite verfielen”, erklärte ein Geschäftsführer einer in Beijing ansässigen Internet-Forschungsfirma gegenüber Xinhua, “doch sie werden eines Tages keinen Reiz mehr an den Spielen finden.” Ein anderer Experte meinte, dass die meisten frühen Registrierten von Kaixin001, darunter auch er, hätten aufgehört, es zu nutzen. Der Titel des Artikel lautete dann auch treffend, wenn sprachlich etwas mangelhaft: „Chinesische SNS: Schaufeln sich selbst das Online-Grab?“ Vielleicht ging es auch darum, eigene Seiten wieder zu stärken.
19. Aug
Am Mittwoch ist in der nordostchinesischen Provinz Liaoning ein nordkoreanischer Jet abgestürzt. Die verhaltene Berichterstattung der chinesischen Presse lässt den Verdacht aufkommen, dass man diesen Absturz lieber verschwiegen hätte.
Die ersten Meldungen kamen, wie in solchen Fällen üblich, aus dem chinesischen Internet. Es dauerte nicht lange, bis in Militärforen Bilder eines abgestürzten Militärjets auftauchten. Auf einem der Bilder war sogar die nordkoreanische Flagge zu erkennen. Die erste Xinhua-Nachricht sprach jedoch vorerst nur von einem „benachbarten Land“. Erst ein Tag danach schienen sich die Informationen so weit im Internet verbreitet zu haben, dass auch Xinhua von „vermutlich einem nordkoreanischen Flugzeug“ sprach. Erst am dritten Tag wurde das bestätigt, was sich so leicht an den Trümmerteilen hat ablesen lassen.
Ähnlich verhalten reagierte die chinesische Presse bisher auf die Hintergründe des Absturzes. Heute gab sie bekannt, dass ein technischer Defekt der Grund für den Absturz gewesen sei. Zuvor hieß es, dass der Treibstoff ausgegangen war. Die südkoreanische Presse hingegen berichtet davon, dass sich der Pilot vermutlich aus Korea hat absetzen wollen und mit dem Flugzeug nach Russland unterwegs war. Die Korea Times interpretiert das ganze als ein Zeichen des militärischen Aufstands.
Die nächstliegende Frage wurde bisher jedoch kaum angeschnitten. Nur Zhang Jie fragt sich in einem Artikel, wie es denn kommt, dass ein ausländisches Flugzeug fast 200 Kilometer tief in den chinesischen Luftraum eindringen konnte, ohne dass dies jemand bemerkt hätte. „Man muss sich fragen: Was, wenn es sich um einen feindlichen Kampfjet oder gar Bomber handelte? Bedeutet das nicht, dass das Abwehrsystem der chinesischen Luftwaffe nicht in Gefechtsbereitschaft ist? Oder soll man daraus schließen, dass es ein Geheimnis geblieben wäre, falls die Maschine nicht abgestürzt wäre?“, schreibt er.
18. Aug
Es gibt immer wieder Chinesen, die kritisch mit ihrer Kultur umgehen. Vor ein paar Tagen hat ein Geschäftsmann ein neues Buch veröffentlicht und behauptet darin, dass Chinesen fundamentale Probleme beim Denken hätten.
Es war klar, dass sich der Unternehmer Chu Yu mit seinem Buch “Kritik am Denken des chinesischen Volkes” nicht nur Freunde machen würde. Das Buch ist zwar erst in Chinesisch erschienen, aber anhand der zahlreichen Rezensionen lässt sich bereits der Inhalt erahnen. China Daily zitiert aus seinem Buch: „Chinesen haben beim Denken fundamentale Probleme. Dies führt letzten Endes zu Blindheit und Rückschritten. Unbestimmtheit, Unordnung und Steifheit seien für das chinesische Denken charakteristisch”. Wie so oft fordert auch Chu eine Reform des Bildungswesens, das er für die Misere verantwortlich macht. Das chinesische Erziehungssystem müsse in einer Art und Weise reformiert werden, die es den Kindern ermöglicht, mündige Bürger zu werden, bevor sie damit beginnen ihre kreativen und innovativen Talente auszuleben, findet er. Besonders kritisiert Chu, dass Chinesen gerne auf andere zeigen, aber kaum damit klar kommen, wenn jemand anderes sie kritisiert.
Soweit nichts Neues. Doch das Buch ging innert kürzester Zeit rund 20.000 Mal über den Ladentisch.
Quellen:
http://www.chinadaily.com.cn/opinion/2010-07/21/content_11028298.htm
http://www.cdeclips.com/en/arts_n_life/fullstory.html?id=49719
14. Aug
Ein Leiter einer Bürobedarfskette fordert in einem Artikel eine Internetdatenbank, in der für alle Nutzer abrufbar Informationen zu allen chinesischen Bürgern stehen. Damit will der „Moral und Glaubwürdigkeit“ in der Gesellschaft stärken. Dies reflektiert das in China oft wenig entwickelte Gefühl für Datenschutz.
Manchmal ist nicht klar, was wirklich hinter einem Artikel steht. Am 10. August veröffentlichte eine englischsprachige Regierungswebseite einen Text, in dem gewissermassen der gläserne Chinese gefordert wird. Er gehört der Rubrik „Opinion“ an und ist scheinbar von einem aussenstehenden Autor verfasst worden, der in der Legende als Präsident einer bekannten Firma für Bürobedarf bezeichnet wird. Soll mit dem Text die Überwachung schöngeschrieben werden oder ist Chunyu Jinzhang tatsächlich ein naiver Panikmacher?
Die Struktur ist einfach: In China ist alles so schlimm wie noch nie zuvor: „Durch die Bank leidet jeder Bereich des täglichen Lebens an einem Mangel an Glaubwürdigkeit: Sei es die Erziehung, der Dienstleistungssektor, das Geschäften und so weiter. Käufer und Verkäufer, Betriebe und ihre Mitarbeiter, Regierung und Bürger – sie allen verlieren ihre Moral, sobald sie in einer Gruppe sind. Cyberkriminalität, anonyme Verleumdungen, gefälschte Zeugnisse, unsichere Lebensmittel und Umweltverschmutzung – all dies hat seinen Ursprung in einem Mangel an persönlicher Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Moral. Die traurige Folge: Praktisch alle Chinesen erleben im Verlaufe ihres Lebens Verrat oder Betrug.“
Dann wird die Regierung einerseits gelobt aber im gleichen Zug als zu zahm beschrieben. Die Lösung wäre nach Ansicht des Autors eine „Internet-Datenbank zu erstellen, die an Hand einer persönlichen Identifikation die Glaubwürdigkeit der Bürger speichert.“ Das heisst, man gibt in eine besondere Suchmaschine die Passnummer ein und sofort erhält man alle relevanten Daten: Verstöße gegen die Verkehrsregeln, die Arbeitsstelle, die Steuerbeträge und Schulden. Der Vorteil liegt für ihn klar auf der Hand: „Bei einem solchen System könnten Stellensuchende und Personalchefs bereits vor der Vertragsunterzeichnung wissen, ob der jeweils andere vertrauenswürdig ist.“
Das klingt gut, gäbe es da nicht ein Problem mit dem Datenschutz. Aber auch damit weiss der Autor umzugehen: „Die genannten Maßnahmen widersprechen dem Datenschutz nicht. Denn dieser ist keineswegs dafür geschaffen worden, um Vergehen gegen Moral, Recht und Glaubwürdigkeit zu schützen“, behauptet er. Dass Leute auch fälschlich beschuldigt werden können, nimmt der Autor nicht zur Kenntnis. Genauso wenig, dass bei einem solchen System die Menschen gebrandmarkt werden und eine Resozialisation kaum mehr möglich wäre. Dies müsse man sich halt eben vorher überlegen, findet Chunyu. „Jeder, der das Gesetz bricht oder auch nur ein einziges Mal seine Glaubwürdigkeit schädigt, bekommt einen Eintrag in eine Fiche, der dort bis zu seinem Tod bleibt und sogar noch die Kinder beeinträchtigen könnte.“
Solche Ideen sind in China keine Seltenheit. Vor einigen Monaten machte der Begriff “Renrou Sousuo” von sich zu reden. Das heisst soviel wie „Suchmaschine nach menschlichem Fleisch“. Angefangen hatte dies mit dem Leiter des Nanjinger Baudezernats. Er brachte mit ungeschickten Aussagen die Internetgemeinde gegen sich. Die raufte sich zusammen, tauschte sich aus und half dabei, den ungeliebten korrupten Beamten zu überführen. Die Welt beschreibt das Vorgehen so: „Sie poolen ihre Informationen im Netz zum Fahndungsprofil des Gesuchten mit Namen, Adresse, Arbeitstelle und Privatleben zusammen, bevor sie ihn öffentlich in ihren Blogs und Foren enthüllen.“
Das geht nun sogar soweit, dass auch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua Renrou Sousuo als “Lynchjustiz im Internet” bezeichnete. Auch die Gerichtspraxis scheint die Visionen des Bürowarenhändlers nicht zu teilen. Im Dezember 2008 hatte ein Mann in einem Fall von Rufmord einen Rechtsstreit gewonnen, weil eine Webseite einen Blog über sein Privatleben veröffentlicht hat. Seine Frau hatte Selbstmord begangen, nachdem sie von seiner Affäre mit einer anderen Frau erfahren hatte. Der Mann hatte wegen des Blogs ausserdem seinen Job verloren. Die Strafe war allerdings vergleichsweise mild: Das Gericht ordnete an, dass der Betreiber des Hetzblogs alle einschlägige Artikel und Fotos von der Webseite löschen und dem Mann eine Entschädigung von 5000 Yuan zahlen muss.
Quelle:
http://www.china.org.cn/opinion/2010-08/10/content_20678928.htm
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article4221571/Pressefreiheit-oder-Lynchjustiz.html
http://german.china.org.cn/china/2008-12/19/content_16980091.htm
13. Aug
Immer wieder werden verbotene Bücher an der Grenze zu China konfisziert und keiner weiss genau warum. Nun hat eine chinesische Gebrauchtbücherseite eine Liste veröffentlicht, auf der zumindest grob steht, was problematisch sein könnte.
Es ist kein Geheimnis, dass auch Bücher in China zensiert werden. Unter Touristen und in Reiseforen werden immer wieder die Geschichten kolportier, wonach China-Reiseführern des Verlags Lonely Planet an der Grenze konfisziert wurden. Wieso genau, das weiß keiner. Und die Behörden geben dazu auch keine Auskunft. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Zensoren vor allem zwei Dinge missbilligen: Taiwan, das Peking als abtrünnige Provinz betrachtet, wird in der Übersichtskarte als eigenständiges Land eingezeichnet, und in der Beschreibung vom Platz des Himmlischen Friedens heißt es in einem Anflug von Humor: „Es ist verboten den Platz mit dem Fahrrad zu überqueren. Aber Panzer sind scheinbar okay.“
Touristen sind nicht die einzigen, welche die Zensurvorschriften nicht durchschauen. Als der chinesischen Geschichtsprofessor Feng Chongyi vor rund einem Jahr von Hongkong nach Festlandchina zurückkehrte, hatte er eine Reihe von Büchern in seinem Gepäck. Sieben davon schienen den Grenzbeamten nicht zu gefallen und wurden prompt konfisziert. Die Bücher waren nach seinen eigenen Angaben alle von Autoren der Volksrepublik verfasst worden und hätten nicht gegen irgendwelche rechtlichen Bestimmungen verstoßen. Feng entschloss sich daraufhin, das Zollamt zu verklagen. Seine Argument: Die Konfiskation auf Grundlage einer geheimen Liste widerspreche dem chinesischen Grundrecht. Die Behörden hätten damit die Grenzen ihrer Autorität überschritten. Der mittlere Volksgerichtshof von Guangzhou, der die Klage im August 2009 akzeptiert hatte, wies sie im Dezember letzten Jahres zurück.
Damit wurde die Praxis einer geheimen Zensur nicht nur verstärkt. In einem Interview der Volkszeitung sagte ein Pressesprecher des Zolls: „Viele Leute versuchen auf dem benachbarten Hongkong verbotene Bücher mitzubringen. Sie sollten besser aufpassen, denn manche Bücher dürfen auf dem Festland nicht verbreitet werden.“
Doch was konkret verboten ist, zeigt ein Blick auf eine Webseite, auf der jeder seine gebrauchten Bücher zum Verkauf anbieten kann. Auf der 2002 gegründeten Webseite gibt es aber nicht nur antiquarische Bücher, sondern auch Fotokopien von antiken Texten, die nicht mehr im Verkauf sind. Vergangene Woche veröffentlichte die Webseite nun eine Mitteilung, in der sie die Verkäufer an die Zensurvorschriften erinnerte. Ohne konkrete Titel zu nennen, bietet sie doch einige Hinweise darauf, welche Bücher konkret mit der Zensur in Konflikt geraten können. Auf dem englischsprachigen Medienblog Danwei.org ist diese Liste vollständig übersetzt worden.
Betroffen sind zwei Kategorien: Geheimnisverrat und verbotene politische Ansichten. So können Nutzer keine Bücher aus der Zeit „nach der Befreiung“ verkaufen, auf deren Umschlag „geheim“ und ähnliches steht, in denen es um militärische Fragen geht und interne Publikationen. Weiter dürfen Partei und Staatsführer nicht beleidigt werden oder sich auf die ethnische Zusammenhalt auswirken könnten. Dazu kommen noch unterschiedliche religiöse Bücher (Falun Gong), Pornographie und Glückspiel, sowie Bücher, die gegen das Urheberrecht verstoßen.
Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Die Nutzer wissen noch immer nicht, was sie verkaufen dürfen oder nicht. Laut den Kommentaren, die allerdings gefiltert sein könnten.
Quelle:
http://www.danwei.org/media_regulation/self-censoring_the_used_book_m.php
13. Aug
Chinas Ansehen in der Welt ist nicht gerade hoch. Dies will die Regierung ändern. Dazu plant sie, zwei Werbefilme zu produzieren. Einer davon soll als Werbespot in wichtigen Fernsehsendern wie CNN und BBC gezeigt werden.
China leidet an einem schlechten Ruf. Seit den Aufständen in Tibet vor den Olympischen Spielen in Peking ist er sogar noch schlechter geworden. Dies legt zumindest eine Umfrage der BBC nahe. So sind 59 Prozent der Befragten nicht der Ansicht, dass China einen positiven Einfluss auf die Welt habe. Im Vorjahr war der Ruf noch um zwei Prozentpunkte besser. Wirklich negativ werteten allerdings nur 38 Prozent die Rolle Chinas. Auch hier hier zwei Prozent mehr als im Vorjahr.
Um dem entgegen zu wirken hat die chinesische Regierung zwei Werbefilme in Auftrag gegeben: einen längeren Film, der bei Anlässen gezeigt wird und ein 30 Sekundenspot für ausländische Fernsehstationen, die dort in dem jeweiligen Werbefenstern ausgestrahlt werden sollen. Die Zielgruppe des Spots scheinen englischsprachige Menschen zu sein, denn der Werbefilm soll laut chinesischen Medienberichten nur auf CNN und BBC gezeigt werden. In dem Film sollen 30 Prominente erscheinen (was jeder Person im Schnitt eine Sekunde gibt). Bereits vor ein paar Monaten hat es eine ähnliche Werbekampagne gegeben.
In China scheint der Werbespot vielen notwendig zu sein: Bei einer Umfrage im Forum von Globaltimes gaben über 71 Prozent an, dass es einen Werbspot braucht, um Chinas internationales Ansehen zu verbessern. (Stichtag: 13. August) Das Forum wird hauptsächlich von Expats und englischsprachigen Chinesen besucht.
Liest man in der chinesischen Presse nach, ist hier ein durchausselbstkritischer Ton zu hören. So zitiert China Daily in einem Text, der von einer anderen staatlichen Webseite übersetzt worden war, einen Kommunikationsprofessor der Tsinghua-Universität mit den Worten: “Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass der Film verschiedene Seiten und unterschiedliche soziale Klassen des gegenwärtigen Chinas zeigt. Dabei darf er weder übertreiben noch die Realität verzerren.” Es scheint also bei gewissen Kreisen bereits angekommen sein, dass zu viel des Guten eben auch schädlich sein kann.
Quelle:
http://german.china.org.cn/culture/txt/2010-08/03/content_20629342.htm
12. Aug
Die Regierung der westchinesischen Stadt Lanzhou will eine bessere soziale Durchmischung erreichen und kam dabei auf die Idee, dass die Armen in den gleichen Compounds in Sozialwohnungen leben können, wie die Superreichen. Dieser Plan hagelte Kritik.
Der verlinkte Artikel ist seinerseits bereits eine Medienschau, die auf einen Artikel der Legal Daily von vergangenen Dienstag zurückgeht. Die Idee ist, den Bauunternehmern Land günstiger abzutreten, damit diese mit dem so gesparten Geld Sozialwohnungen in ihren Luxusüberbauungen anlegen. Die Zeitung nennt auch Zahlen: “Der durchschnittliche Preis für eine Wohnung liegt in Lanzhou bei 5000 Yuan (738 US-Dollar) pro Quadratmeter, wie es von Seiten der lokalen Wohnbehörden heißt. Doch in den subventionierten Sozialwohnungen soll ein Quadratmeter nur 2000 Yuan kosten.”
Die Kritik kommt von zwei Seiten: Die Armen ziehen nur ungerne in solchen Wohnungen ein, denn sie genieren sich vor den Reichen. Die Unternehmen fürchten einen Wertverlust ihrer Immobilien. Die Kritiker kommen zu Wort.
Quelle:
http://german.china.org.cn/fokus/2010-08/12/content_20695593.htm